Liebe Leserin, Lieber Leser,

Gerade spriessen sie überall aus der dunklen, feuchten Erde, meine Lieblingsblumen. Sie sind die ersten schlichten Boten einer kommenden schöneren Zeit, so verheißungsvoll und trotzdem zart und einfach. Ein grüner Stängel, weiße Blätter, das Innere in Weiß mit einem Hauch von Grün am Rand. Sie erzittern leicht, wenn man sie anstößt, und ihr Name passt so dermaßen gut zu ihnen. Nicht ohne Grund kommen Schneeglöckchen in meinem neuen Roman vor und verbinden die Mutter mit der Tochter. Mit der gleichen Begeisterung pflücken meine Kinder die Blumen, mit der ich in ihrem Alter ausgerupfte Sträuße zusammengestellt habe. Erinnerungsblumen eben.

„Alles ist braun und schwarz und grau, doch an einer Stelle des Hofes spitzen aus dem Boden kleine Blumen. Das Mädchen weiß nicht, was Mama zu den hellen Blüten sagen würde, die wie Flügel einer Libelle von dünnen, dunkelgrünen Stielen nach unten wachsen und die vor sich hin zittern, als würden sie frieren, wenn es mit dem Finger dagegen schlägt. Wenn es den Atem anhält, kann das Mädchen die feine Musik hören, die die Blumen für es spielen. Sie schließt die Augen und hört zu. Die Melodie ist wie ein warmer Hauch. Es ist, als ob Mama ihr über die Wange streichen würde.“

S.140 MORGEN BIST DU NOCH DA