Liebe Leserin, Lieber Leser,

wenn ich mir den Weg ansehe, den unsere Gesellschaft einschlägt, wird mir ganz schwindelig. Alles rast wie auf einer Autobahn dahin, vom Navigationsgerät geleitet, möglichst mehrspurig, möglichst glatt asphaltiert, mit einheitlicher Nahrungsaufnahme an den Raststätten einer Betreiberkette. Dass bei dieser enormen Geschwindigkeit nicht allzu viel schiefläuft, wissen Airbags und Antiblockiersysteme zu verhindern. Wenn man daran glaubt, dass der Weg das Ziel ist, dann kann man eigentlich nur die Kotztüte bereithalten. Wo bleiben die Umwege, die Schlaglöcher, die einen zur Langsamkeit zwingen, die unerwarteten Stops an Orten, die das Navi nicht nennt, wenn es uns die kürzeste Strecke von A nach B vorschlägt?
Kinder in meinem Bekanntenkreis lernen bis in die Nacht, damit sie in der Schule mithalten können, die sie auf ein komplett verschultes Studium vorbereitet. In ihrem Alter habe ich bis tief in die Nacht gelesen, bin in andere Welten abgetaucht, hab geträumt und ganz viel nachgedacht. Im Studium habe ich es geliebt, die Nächte durchzufeiern und im Leben wie in Büchern Themen zu entdecken, die mir bis dahin völlig unbekannt waren. Dafür habe ich auch das ein oder andere Semester drangehängt.
Um im Bild der Fortbewegung zu bleiben: Ich habe verschlungene Trampelpfade voller Schönheit gewählt, bin einige Male auf den unwegsamen Strecken ins Schwitzen gekommen, bin umgekehrt und bei weiteren Entfernungen bin ich auch mal auf Interrail umgestiegen, um während der Fahrt noch lesen zu können. Das ging alles nicht so schnell. Und eine Eigentumswohnung ist nicht dabei rausgekommen, dafür aber sechs Bücher aus meiner Feder und Lebenszeit, in der ich mehr gesehen habe als die verschwommene Landschaft beim Blick durch die Windschutzscheibe.

Bitte alle bremsen!