„Dinge anzufertigen macht mich glücklich“
Ein Werkstatt-Gespräch mit Mila Lippke

01. Was ist das Besondere an Ihrem neuen Roman „Morgen bist du noch da“?

In der Geschichte geht es um die enorme Macht von Erinnerungen. Sie sind so fragil. Wir können sie ganz einfach verlieren, aber sie können auch einen ungeheuren Einfluss auf das Leben und sogar auf mehrere Generationen haben.

02. In „Irgendwie mein Leben“ erzählen Sie, wie die Heldin ein traumatisches Ereignis – den Tod ihrer Tochter – unmittelbar verarbeiten muss. Auch in „Morgen bist du noch da“ geht es um Trauma-Erfahrung und den Umgang damit.

Stimmt. In gewisser Weise ist „Morgen bist du noch da“ für mich ein Fortschreiben der Geschichte von „Irgendwie mein Leben“. Ich habe mir vorgestellt, was ist, wenn ein Trauma nicht verarbeitet sondern verdrängt wird. Wenn etwas sehr Schlimmes in unserem Leben passiert, ist es wichtig, dass wir einen Raum in unseren Erinnerungen dafür finden. Wenn dieses Ereignis unterdrückt wird, sucht es sich trotzdem seinen Weg nach draußen. Das passiert mit Lios Mutter. Sie verdrängt, weil sie als Kind gar keine andere Möglichkeit hat, um zu überleben, doch als sie selber ein Kind großzieht, gibt sie ihm unterbewusst das Trauma mit.

03. Farben und Materialien wie Porzellan, Stoffe und Fell spielen in Ihrem Buch eine große Rolle

Ich bin ein Mensch, der stark auf Sinneseindrücke reagiert. Farben sind für mich sehr wichtig. Auch das Haptische. Das Erfühlen. Das Berühren. Ich habe immer schon Sachen hergestellt. Als Kind habe ich Dinge aus allem gemacht, was mir in die Hände fiel und meine Fantasie anregte. Einmal hat mich die Form einer Kartoffel dazu angeregt, aus ihr, Stoff, Papier, Kleber und einem Schuhkarton eine betende Nonne vorm Altar zu basteln. Materialien können mir Geschichten erzählen. Dinge anzufertigen macht mich glücklich. Ich bin dann ganz bei mir, ganz in mir. Wie meine Heldin, Lio, die Künstlerin ist und Stoffskulpturen herstellt.

04. Ist der Schreibprozess mit dem Schaffen eines Kunstwerks vergleichbar?

Wahrscheinlich schon. Das Schreiben selber ist ja nicht nur ein handwerklicher Prozess sondern setzt unheimlich viel verborgene Kreativität frei.

05. Sie erzählen Ihre Geschichte in zwei Zeitebenen. Zwischen den Kapiteln, in denen die Protagonistin Lio in der Jetzt-Zeit lebt und handelt, schildern Sie Erinnerungen von Lios Mutter von der Kindheit bis zur Gegenwart. Warum haben sie diese beiden Perspektiven gewählt?

Ich fand es spannend, dass der Leser durch die zwischen gestreuten Erinnerungen immer mehr weiß als meine Heldin, die sich die Vergangenheit ihrer Mutter ja erst noch aneignen und Verbindungen zu ihrem eigenen Leben herstellen muss. Ich habe darauf geachtet, die beiden Zeitebenen dicht miteinander zu verweben. Es geht viel um das Material Stoff an sich und um nähen und flicken, und ich habe die beiden Zeitebenen im Grunde aneinander genäht.

06. Die Erlebnisse der Mutter sind stark von der deutschen Vergangenheit und den Folgen des Nationalsozialismus geprägt. Welchen persönlichen Bezug haben Sie zu dem Thema?

Obwohl ich erst in den Siebziger Jahren geboren wurde, habe ich immer das Gefühl gehabt, dass die Nazi-Zeit noch nicht lange zurück liegt. Meine Eltern waren im Krieg Kinder und können sich an einige krasse Dinge erinnern. Vor allem aber an den Umgang mit den Nazi-Verbrechen danach. An das Verdrängen. Meine Mutter erzählte mir, wie sie ihren Vater, einen überzeugten Nazi, mit einem Foto von KZ-Opfern konfrontierte. Er behauptete steif und fest, das sei eine Fotomontage und überhaupt sei alles Lüge. Die Frage, was wirklich damals passiert ist und was man davon wusste, habe ich schon in meinem ersten historischen Kriminalroman „Mehr zu fürchten als den Tod“ bearbeitet.

07. Schreiben Sie wieder an einem neuen Roman? Was kommt als Nächstes?

Ich habe immer gleich mehrere Ideen in der Mache. Gerade arbeite ich an einer Art Buchbuch. Es wird eine Geschichte über Menschen, die Bücher lieben. So wie ich. Ohne Bücher könnte ich nicht sein.

Mila Lippke, 2011

Zwanzig Fragen (2010)

Interview (2012)