Zwanzig Fragen an Mila Lippke

01. Warum schreiben Sie?

Weil ich Geschichten erzählen möchte. Weil ich glaube, dass meine Bücher Erfahrungsräume sind, die ich eröffne, und weil ich hoffe, dass meine Leserinnen und Leser aus meinen Romanen ein Stück an neuen Erfahrungen und Gedanken in ihr Leben mit hinüber nehmen. Ich wünsche mir, dass sich die Perspektive der Leser ein wenig verändert hat, wenn sie eines meiner Bücher aus der Hand legen.

02. Woher kommen die Ideen für Ihre Romane?

Meist sind es Gedanken, mit denen ich mich teilweise schon vor Jahren beschäftigt habe. Dann gibt eine Idee den Ausschlag, und auf einmal setzen sich all die Teilchen in meinem Gedächtnis zu einem Kaleidoskop zusammen. Daraus entsteht eine Geschichte. Darin enthalten sind auch Bilder, auf die ich zufällig stoße. Ich stand zum Beispiel an einem Bahnübergang und betrachtete einen Güterzug, dessen Waggons alle das gleiche Kleinwagenmodell transportieren. Unter den schwarzen und grauen Karosserien gab es nur selten mal eine rote oder silberne. Ich sah es als Symbol für Trauer, für die immer gleichförmigen, grauen Tage, und so ist dieses Bild in meinen Roman „Irgendwie mein Leben“ gelangt.

03. Wie lange arbeiten Sie an einem Roman?

Neben dem eigentlichen Akt des Schreibens, der natürlich seine Zeit braucht, benötige ich viel Raum für Recherchen, für die intellektuelle und philosophische Auseinandersetzung mit meinen Themen. Alles in allem brauche ich bestimmt ein Jahr, um einen Roman in der ersten vollständigen Fassung zu Papier zu bringen.

04. Wie schreiben Sie?

Nur mit viel Disziplin, indem ich versuche, mich abzuschotten, die Bedürfnisse und Ansprüche der Anderen bis auf die meiner Kinder weitgehend zu ignorieren. In meinen intensiven Schreibphasen tauche ich in meine Geschichte ein, vergesse ich mich richtig gehend; das heißt ich bin unsozial, ernähre mich nicht mehr regelmäßig und gesund, und bin benommen, als wäre ich aus einer Narkose erwacht, wenn ich in der Realität wieder aufschlage.

05. Was macht Ihren neuen Roman „Irgendwie mein Leben“ so besonders?

Die Authentizität der Trauer, die ich persönlich erlebt habe, und deshalb sehr ehrlich, stellenweise schonungslos beschreiben kann. Andere Romane klammern gerade die erste Zeit, die Schockphase nach dem Todesfall aus, ich tue das ganz bewusst nicht.

06. Wie viel Autobiographisches steckt in „Irgendwie mein Leben“?

Wie meine Heldin Mara habe auch ich eine Tochter verloren. Viele Emotionen von mir stecken in Mara, auch viele der Hoffnungen und Sehnsüchte. Und wie Mara habe ich über die Trauer eine wahnsinnige Stärke in mir entdeckt. Bei aller Ähnlichkeit aber ist Mara ein fiktiver Charakter.

07. Wieso haben Sie die Perspektive der Ich-Erzählerin gewählt?

Ich wollte Maras Gefühle wie den Schmerz, die Wut und den Neid, aber auch die Fassungslosigkeit so unmittelbar und unreflektiert schildern wie nur möglich. Deshalb die „Ich“-Perspektive, die eine größere Authentizität ermöglicht. Und deshalb auch das Präsens. Der Schmerz, der Mara überfällt, als sie vom Tod ihrer Tochter erfährt, ist für die Figur in diesem Moment ein unendlicher. Sie überblickt noch nicht, dass sie sich eines Tages tatsächlich besser fühlen wird. Für sie ist nur diese eine große Frage in ihrem Kopf: Wie kann ich diesen Augenblick hier überleben?

08. War es schwer, die emotionalen Abgründe der Trauer zu beschreiben?

Oh ja, sehr schwer und sehr Kräftezehrend. Ich habe die einzelnen Stationen meiner eigenen Trauer ja immer wieder durchleben müssen, um die Gefühle meiner Ich-Erzählerin möglichst echt für die Leser rüberzubringen. Am Ende lautete das Urteil meiner Lektorin über etliche Stellen: Es muss noch emotionaler werden. Das waren genau Stellen, an denen ich ein bisschen geschummelt hatte, um mich nicht zu tief mit meinem eigenen Schmerz konfrontieren zu müssen. Im Nachhinein blieb mir dann doch nichts anderes übrig.

09. Woher kommt die Sprachlosigkeit, das Verstummen angesichts des Todes?

Der Tod ist etwas so Gewaltiges, so Großes, das er uns bei einem Kind dermaßen erschreckt. Und darauf reagieren wir oft mit Rückzug und Verneinung. Es gibt ja gesellschaftliche Normen dem Trauern gegenüber: In Demut und Stille, madonnengleich leiden, das sind Erwartungen an die trauernde Mutter, auch ihre eigenen Erwartungen an sich. In unserer Gesellschaft gibt es keine laut schreienden Klageweiber. Die verwaiste Mutter ist allein gelassen mit den Emotionen, die sie eigentlich nicht fühlen darf: Neid, Wut, Hass, Bitterkeit, Selbstverachtung. Sie hat Angst, anderen davon zu erzählen.

10. Gibt es Unterschiede im Trauern um ein Kind zwischen Mann und Frau?

Ich glaube, dass ein Ungleichgewicht zwischen den trauernden Eltern besteht. Die Beziehung des Vaters ist noch eine Beziehung der Sehnsüchte. Er hat sich darauf gefreut, das Kind endlich im Arm halten und wickeln zu können. Er trauert vor allem um diese vergeblichen Hoffnungen. Die Beziehung der Mutter ist hingegen so symbiotisch, wie sie es nie wieder sein kann, weil sie aufs Engste mit dem Baby verbunden ist und den Verlust dadurch in ihrem ganzen Körper spürt. Diese unterschiedlichen Voraussetzungen machen das Sprechen über das Unfassbare nicht gerade leichter.

11. Gibt es nach dem Tod eines Kindes noch einen Sinn im Leben?

Haltet die Welt an!, möchte man rufen, doch sie dreht sich einfach weiter. Nur man selbst bleibt stehen in der Trauer. Man muss lernen, die Erinnerungen an das Kind festzuhalten und gleichzeitig die Hoffnung auf ein neues Glück, vielleicht auf ein neues Kind zuzulassen. Wenn ein Kind stirbt, befinden wir uns in einer Extremsituation. Wir sind nicht länger in der Lage, unsere alten Werte, unsere Anpassungsmechanismen, in die neue Situation mit hinüber zu nehmen. Wir sind erst einmal völlig abgeschnitten davon. Eine Chance liegt darin. Mit viel Zeit können wir die alten Werte überprüfen, uns grundlegender verändern, als es sonst vielleicht möglich wäre.

12. Inwiefern hat der Tod Ihrer Tochter Sie verändert?

Leider habe ich das Vertrauen ins Leben verloren und nicht wieder ganz zurückerlangt. Ein positiver Aspekt ist vielleicht, dass ich egoistischer geworden bin. Ich fühlte mich vorher sehr schuldig anderen gegenüber, weil ich eine so liebevolle, schöne Kindheit hatte, so behütet aufgewachsen bin und noch immer im Kreis meiner Familie integriert bin. Deshalb habe ich oft die Rolle des seelischen Mülleimers für Freundinnen übernommen. Durch mein Leid, meinen Schmerz habe ich da dichtgemacht. Ich habe mich mehr als Subjekt in Beziehungen wahrgenommen und mich gefragt, was habe ich eigentlich davon.

13. Wie kann man nach dem Tod wieder lachen lernen?

Es geht weniger darum, wieder lachen zu lernen, als es sich zu erlauben, dem Bedürfnis nach Lachen nachzugeben. Lachen befreit ja. Tatsächlich ist das Leben mit dem Tod oft so absurd. Wir haben zum Beispiel die Asche unserer Tochter selbst zur Beerdigung gebracht. An einem wunderschönen sonnigen Tag sind wir mit der Urne im Rucksack in der Straßenbahn durch Köln gefahren und haben Tränen gelacht, weil wir die Diskrepanz zwischen uns und den Eisessenden, flirtenden Menschen sonst nicht ausgehalten hätten.

14. Mara näht eine Erinnerungsdecke. Wie haben Sie Ihre Trauer verarbeitet?

Durch das Schreiben. Unmittelbar nach dem Tod meiner Tochter habe ich mit meinem zweiten Kriminalroman begonnen. Durch das Schreiben konnte ich Distanz zum Erlebten gewinnen und Kraft tanken. Mit dem Schreiben an „Irgendwie mein Leben“ bin ich dann einen weiteren Schritt gegangen. Ich habe meiner Trauer eine neue Bedeutung geben. Aber der Prozess des Trauerns ist damit nicht abgeschlossen, wird es wahrscheinlich nie sein.

15. Welche Rolle spielen Erinnerungen in Ihrem Roman?

Mara ist von ihrem Leben wie abgeschnitten, sie weiß nicht mehr, wer sie ist. Sie muss sich neu kennen lernen, die Veränderungen akzeptieren und in ihr Weiterleben integrieren. Sie muss eine Form der Erinnerung an ihre Tochter finden, die nicht erstarrt sondern lebendig ist. Und sie muss an ihre Erinnerungen anknüpfen, um sich selbst wieder als Ganzes wahrzunehmen.

16. Haben Sie Angst, dass Leser erfahren, dass Sie eine Tochter verloren haben?

Oh nein. Ganz im Gegenteil. Am Liebsten wäre es mir, alle Welt würde das wissen. Dann würde ich nicht mehr in diese grässlichen Situationen kommen, in denen man mich fragt, wie viele Kinder ich habe. Jedes Mal zögere ich mit einer Antwort. Eigentlich müsste ich sagen, dass ich drei Kinder habe, davon zwei lebendige. Aber ich weiß genau, welche Betretenheit ich damit auslöse, deshalb schweige ich meist. Und fühle mich schuldig meiner verstorbenen Tochter gegenüber, fühle mich schuldig, weil ich das Gefühl habe, sie zu verleugnen.

17. Die Figur der Mara ist in Widersprüchen gefangen. Löst der Tod diese aus?

Der Tod bringt die Widersprüche in ihrem Leben nur stärker an die Oberfläche wie bei einem Stück Treibholz, bei dem durch die Kraft des Meeres die Maserung freigelegt wird. Mara ist mit ihnen schonungsloser konfrontiert. Ich erlebe die Menschen um mich herum allesamt als mehr oder weniger widersprüchlich in ihren Wünschen und Lebensweisen. Ich selbst bin es schon von Grund auf durch das, was mir von meinen Eltern mitgegeben wurde. So viel Liebe und Sicherheit und gleichzeitig aus ihren frühen Erfahrungen heraus das Gefühl von einer tiefen Unsicherheit dem Leben gegenüber.

18. Sie haben bereits vier historische Krimis veröffentlicht. Warum jetzt ein Roman?

Alle meine Bücher haben eine verbindende Linie. Mich interessieren immer weibliche Lebensentwürfe in Umbruchsituationen. In meinen historischen Krimis wurden die Umbrüche von den politischen und gesellschaftlichen Extrembedingungen der jeweiligen Zeit ausgelöst. In „Irgendwie mein Leben“ ist der Auslöser für den Lebensumbruch der Tod des Kindes. Beim Schreiben eines Romans fühle ich mich allerdings freier als bei einem Kriminalroman, der einen doch so vielen Genre-Bedingungen unterwirft. Deshalb wird auch mein nächstes Buch ein Roman.

19. Was schreiben Sie denn als nächstes?

Gerade schreibe ich an einem Roman über das Familiengeheimnis einer Künstlerin. Um dem Leben, das in eine emotionale Sackgasse gelangt ist, eine neue Wendung geben zu können, muss sie sich erst mit ihrer Mutter und ihrer Vergangenheit auseinandersetzen. Es wird wieder viel um Erinnerungen gehen, nicht nur um die selbsterlebten, und um den Versuch, diese in die Realität zu integrieren.

20. Was wünschen Sie sich für Ihre Zukunft als Autorin?

Ich wünsche mir, erfolgreich genug zu sein, um vom Romanschreiben leben zu können und mir gewisse künstlerische Freiheiten rausnehmen zu dürfen. Und ich wünsche mir auch, nicht eingefahrene Gleise beschreiten zu müssen, sondern mich immer wieder selbst überraschen zu können.

Mila Lippke, 2010

Werkstatt-Gespräch (2011)

Interview (2012)